Geschichte der AG KINO – GILDE

Die Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde Deutscher Filmkunsttheater e.V., kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Zwar schlossen sich die beiden Filmkunstverbände erst in Leipzig im Jahr 2003 zu einem endlich vereinten gemeinsamen Verband zusammen – aber die Gründung der traditionsreichen „Gilde“ erfolgte im Juni 1953 in Göttingen durch zwölf Theaterbesitzer aus der damals noch jungen Bundesrepublik und (West)-Berlin. Sie kamen in Göttingen zusammen, der Stadt des „Filmaufbaus“ von Hans Abich, sie kamen aus Mannheim, aus Hannover, aus München, aus Köln, aus Bremen, aus Oldenburg und Augsburg. Die Gründer der Gilde sind nicht mehr am Leben, aber Ihrer sei dankend gedacht.

Vereinigung von Gilde deutscher Filmkunsttheater und der Arbeitsgemeinschaft Kino

Am 10. September 2003 schließen sich die Gilde deutscher Filmkunsttheater und die Arbeitsgemeinschaft Kino zur AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V. zusammen.

Mit der Gründung eines eigenen Interessenverbandes waren die deutschen Filmkunsttheater den französischen Kollegen zuvorgekommen. Im Oktober 1954 trafen sich in Paris einige Theaterbesitzer und Filmkritiker zu einem losen Gedanken-austausch über die Gründung eines nationalen Verbandes. Diese informelle Gruppe – wie auch Kollegen aus Belgien, Holland, Österreich und der Schweiz – wurde eingeladen zur zweiten Jahreshauptversammlung der Gilde, vom 29. bis 31. März 1955 in Wiesbaden. Während dieser Tagung wurde auch der internationale Verband der Filmkunsttheater gegründet, die Confédération des Cinémas d'Art et Essai (CICAE), deren zweitgrößter Mitgliedsverband die AG KINO – GILDE heute ist. Ende 1955 gründete sich dann in Paris der französische Filmkunsttheaterverband (AFCAE).

1955 zählte die Gilde bereits 55 Mitgliedstheater, und zur fünften Jahresversammlung in Göttingen war der Verband bereits auf 69 Mitglieder angewachsen. Unter dem Vorstand von Dr. Bernhard Künzig, Ernst Heidelberg und Fritz Falter führte der Leiter der Mannheimer Filmwoche Walter Talmon-Gros die Geschäfte der Gilde. Nach dem frühen Tod des energischer Fürsprechers der Filmkunst im Jahr 1973 wurde Thomas Engel der Generalsekretär der Gilde. Engel ist ein heute noch sehr aktives Mitglied des Verbandes. Zum 1. Vorsitzender wurde Adrian Kutter aus Biberach im Jahr 1981 gewählt. Kutter führte die Gilde mehr als zwei Jahrzehnte. Unter seiner Leitung vereinte die Gilde Deutscher Filmkunsttheater schließlich an die 300 Mitglieder.

Der große und für die Nachkriegszeit unermessliche Verdienst der Gildetheater ist die Präsentation des „Nachholbedarfs“ verpasster Filme. Sie holten die amerikanischen Filme, die während der Nazizeit verboten waren, sie spielten die französischen Filme der Zwischen- und Nachkriegszeit, sie spielten den italienischen Neorealismus, zeigten Filme aus dem Ostblock und sie entdeckten Ingmar Bergman für das deutsche Kino.

Im Mittelpunkt der Arbeit des Verbandes und seiner Mitglieder stand immer die Förderung der Filmkunst. In der ersten Satzung der Gilde hieß es dann auch: „Filmkunsttheater sind solche Theater, die sich die Aufführung und Förderung künstlerischer Filme und die Erweiterung des daran interessierten Publikumskreises zum Ziele gesetzt haben.“ Konsequenterweise wurde 1977 der Gilde-Filmpreis eingeführt, der ein Mal jährlich an den besten deutschen, den besten ausländischen Film und den besten Dokumentarfilm verliehen wird. Dieser Preis symbolisiert zugleich, dass auch im Rahmen des vereinten Bundes der Filmkunsttheater und Programmkinos die Ideen und Traditionen der Gilde bewahrt und weiterentwickelt werden. Das gilt auch für die ehemalige AG Kino.

Adrian Kutter übergibt Fatih Akin den Gilde-Filmpreis 2004 für GEGEN DIE WAND

Adrian Kutter übergibt Fatih Akin den Gilde-Filmpreis 2004 für GEGEN DIE WAND

Gegründet wurde AG Kino am 17.2.1972 in Hamburg von sieben Filmenthusiasten u.a aus Hamburg, Bremen und Oldenburg. Ein Bindeglied stellte Kuddel Born dar, der sowohl in der Gilde als auch in der AG Kino Mitglied war. Spiritus Rector und 1. Vorsitzender bis 1987 war Werner Grassmann, der Gründer des Hamburger Abaton und der Hamburger Kinotage. Ihm sind die Wiederentdeckung der Marx-Brothers-Filme zu verdanken, wie auch die Gründung eines eigenen Filmverleihs zur Versorgung der überwiegend studentisch geprägten Programmkinos der 70er- und 80er-Jahre mit unabhängigen Filmen aus aller Welt. Diese Szene atmete den Geist der Studentenbewegung und eckte kräftig an bei den traditionellen Strukturen der Kino- und Verleihwirtschaft in der Bundesrepublik.

Drei große Themen bestimmten die ersten 15 Jahre der Verbandsarbeit: der Kampf gegen den ungerechten Filmgroschen des ersten FFG, das alle Kinos verpflichtete, unabhängig von der Höhe des Eintrittspreises, 10 Pfennig pro Besucher an die FFA abzuführen. Zweites Thema war die Blockade der Programmkinos und Nachaufführer durch die Kinocenter und Platzmonopolisten. Mit der Anrufung des Bundeskartellamtes und seinen richtungsweisenden Empfehlungen gegen den unlauteren Wettbewerb in der Kinobranche von 1987 war dem jungen Verband ein großer Erfolg für den Erhalt und Ausbau einer vielfältigen Kinolandschaft gelungen. Zur gleichen Zeit wurde vor dem OLG München ein Prozess gegen die GEMA gewonnen, der diese verpflichtete, nicht nur Kinos im HDF sondern auch solchen in der AG Kino einen Gesamtverbandsnachlass; zu gewähren. Neben Grassmann machte sich vor allem Gerd Settje aus Bremen einen Namen in der Entdeckung neuer Filme und junger Filmemacher. Mitte der 80er-Jahre stießen Dr. Dieter Buchwald und Dr. Detlef Roßmann zum Vorstand dazu. Insbesondere Buchwalds unermüdliches Engagement gegen Wettbewerbsverzerrungen und Blockaden ist die Liberalisierung des deutschen Kinomarktes zu verdanken.

Der Vorstand der AG Kino im Gespräch mit dem Chef der Union-Werbeverwaltung

Abaton-Bistro, 1988: Der Vorstand der AG Kino im Gespräch mit dem Chef der Union-Werbeverwaltung (von links: Dr. Detlef Rossmann, Dr. Dieter Buchwald, Günther Krugmann (Union), Werner Grassmann)

Für die AG Kino und ihre Mitglieder stellten die Hamburger Kinotage einen äußerst beliebten jährlichen Treffpunkt dar, bei dem nicht nur Begegnungen mit neuen Filmen und Filmemachern stattfanden, sondern auch Auseinandersetzungen und Debatten über das Kinomachen und die Politik des Verbandes an der Tagesordnung waren.

Im Selbstverständnis des Verbandes war und ist das Kino ein kultureller Ort, der nicht abgekoppelt war von politischen und sozialen Themen der Gesellschaft. Thematische Filmreihen, Werkschauen, Porträts wurden im engen Kontakt mit dem Publikum und in Zusammenarbeit mit Vereinen, Initiativen oder Institutionen veranstaltet. Die Rettung der Kinokultur gegen das Kinosterben, die praktische Kritik der Verschachtelung alter Kinos und der Niveaulosigkeit der Kinoprogramme, das wurden die Ziele der Programmkino-Bewegung.

Detlef Roßmann, der den Vorsitz der AG Kino 1987 übernahm, leitete gemeinsam mit anderen engagierten Vorstandsmitgliedern die Konsolidierung und Professionalisierung der Verbandsarbeit ein. Hermann Thieken schuf zunächst die verbandseigene Zeitschrift „AG-Kino-Press“ und die für die Kinoarbeit wichtige Internetseite programmkino.de.

Die historische Zeit der deutschen Vereinigung stellte auch die AG Kino vor neue Aufgaben. Die Teilnahme an den beiden deutsch-deutschen Filmtreffen zur Annäherung zweier unterschiedlicher Strukturen der Filmwirtschaft und Filmkultur war eine spannende Erfahrung. Leider konnte der Privatisierungsprozess der Treuhand nicht entscheidend beeinflusst werden. Diese Fehlentwicklung führte zur extremen Ausdünnung der Studio- und Programmkinoszene in den neuen Bundesländern.

Die Entscheidung der AG Kino, quasi als Kompensation ab 2001 in Leipzig eine jährliche Filmkunstmesse durchzuführen, war maßgeblich getragen durch die Initative von Burkhard Voiges und die ideelle und finanzielle Unterstützung durch die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) mit Manfred Schmidt und durch die Stadt Leipzig.

Seminar „Digitales Update“ auf der 7. Filmkunstmesse Leipzig 2007

Seminar „Digitales Update“ auf der 7. Filmkunstmesse Leipzig 2007. Per Videobotschaft nimmt Patrick Brouiller vom Verband der französischen Filmkunstbetreiber AFCAE zur Lage der Digitalisierung in Frankreich Stellung.

Die in den 90er-Jahren entstandenen Multiplexe stellten die Programmkinos vor neue Herausforderungen und vielfach auch harte Konkurrenz. Die AG Kino entwickelte sich immer mehr zu einem Verband, der Beratungs- und Hilfefunktionen für die Mitglieder übernehmen musste. Die Einrichtung einer Geschäftsstelle war ein großer Kraftakt für die Mitgliedskinos, da er die Verdoppelung der Beiträge nötig machte. Allerdings wurde mit Eva Matlok eine beliebte Persönlichkeit für die Geschäftsführung gefunden, die über eigene Kinoerfahrungen verfügt und weiß, wo den Mitgliedern der Schuh drückt.

So war letztlich eine Struktur geschaffen, die im Jahr 2003 die Fusion der Gilde und der AG Kino möglich machte. Im 50. Gründungsjahr der Gilde entstand eine neue, schlagkräftige Interessenvertretung der Filmkunsttheater und Programmkinos, die nunmehr mit ihrem Berliner Büro und vielen ehrenamtlich engagierten Kinobetreiberinnen und Kinobetreibern eine starke Lobby ist für über 300 Mitgliedsbetriebe mit mehr als 500 Leinwänden. Die AG KINO – GILDE und ihre Mitgliedskinos werden auch in der Zukunft des digitalen Kinos einstehen für eine vielfältige Kinolandschaft. Bei ihnen ist die „Siebte Kunst“ gut aufgehoben.